Sagen aus dem Raurisertal : Die Schneestangen in der Rauriser Kirche
Auf dem Hohen Goldberg droben sind noch manche Ruinen von alten Knappenhäusern zu sehen.

In einer solchen Knappenstube schliefen vier Knappen, die sich am Morgen wunderten, daß es gar nicht mehr Tag wurd. Wie sie die Türe aufmachen, sehen sie, daß das Haus ganz vom Schnee eingemacht ist. Weil vom Hause ein gedeckter Gang, ein Schneekragen, zum Stollen hinführte, gingen sie wieder in den Stollen zu ihrer Arbeit und dachten, der Wind wird mit dem Schnee schon wieder abfahren.

Aber der warme Wind blieb aus und es war Tag für Tag gleich, an ein Absteigen ins Tal war nicht zu denken. Als die Eßvorräte zu Ende gingen und sich der Hunger einstellte, machten die Knappen heimlich aus, den Bergschmied, der der leibiste unter ihnen war, zu "putzen"**) und von seinem Fleisch zu leben. Er roch aber doch den Plan der andern und kroch in den Kamin der Sehmiedeesse hinauf.

Da wuzelte er sich durch und gelangte durch die Schneemassen endlich ins Freie. Er raufte sich nun hinuter ins Tal und war gerettet. Als die Knappen sahen, daß der Schmied hinausgekommen war, probierten sie den gleichen Weg und entgingen so dem Hungertod.

Aus Dankbarkeit für die Rettung stifteten sie die zwei Schneestangen in der Kirche, die heute noch dort zu sehen sind. Das war aber nicht im Jahre 1801, sondern viel, viel früher


**) "putzen" ist Pinzgauer Mundart und bedeutet töten