Sagen aus dem Raurisertal : Die Samaplatt'n
Durch das Raurisertal führte einst ein uralter Handelsweg gegen Süden, der schon von den Römern benutzt wurde und heute im Hochtor von der Großglockner-Hochalpenstraße gekreuzt wird. Hier zogen einst die Säumer mit ihren schwer bepackten Pferden auf schmalen, gefährlichen Gebirgspfaden; sie brachten das kostbare Salz und Wollwaren ins Welschland und als Gegenlast Wein, Südfrüchte, Seide und kostbare Gewürze wiederum nordwärts.

Da trug es sich zu, dass drei Säumer unmittelbar vor dem Rastort Wörth von einem furchtbaren Hochgewitter überrascht wurden. Blitz um Blitz zuckte, schrecklich widerhallte der Donner im Gewänd, und die Wildbäche stürzten von den steilen Wänden des Seidlwinkltales. Die Säumer flüchteten unter einen überhängenden Felsen, doch statt zu beten, führten sie lästerliche Reden und lachten über das Toben der entfesselten Naturgewalten.

Da krachte es plötzlich über ihnen in den Felsen, und ehe die gottlosen Säumer Zeit fanden zu fliehen, wurden sie von einer mächtigen Felsplatte begraben, und die tosenden Fluten der Seidlwinklbaches rauschten über sie hinweg.
Man zeigt heute noch die Stelle. Am Ufer lässt der Rasen ein Stück einer Platte frei, auf der drei eingegrabene Kreuze sichtbar sind. Nie seit Menschengedenken ist diese Stelle von Gras überwachsen worden. Die Kinder gehen scheuen Blickes an der "Samaplatt'n" vorbei und schlagen ein Kreuz.

Die drei Säumer ruhten längst mit zerschmetterten Gliedern unter der Platte, als sich einmal ein Jäger in den schroffen, zerklüfteten Felswänden unweit der Samaplatt'n verstieg. Er irrte von Fels zu Fels, von Kluft zu Kluft, und siehe, da schritt vor ihm plötzlich, wie aus dem Felsen gewachsen, auf schwindeligem Steig ein Pferd, vollbeladen nach Art der Saumtiere. Der Jäger folgte der Erscheinung und gelangte so in eine ebene, steinige Mulde. Dort hielt das Pferd an, wartete auf den Jäger und stürzte dann zusammen.

Im Stürzen barst die Ladung, und ein rotes Bächlein edlen Weines befruchtete die schauerliche Öde. Noch während der ermattete Jäger sich am Wein labte, spross üppiges Gras aus dem Boden, und so ist es bis heute geblieben. Man kann noch immer auf dem "Edwein", einer Alpe am rechten Ufer des Seidlwinklbaches, förmlich im Gras waten. Das seltsame Pferd blieb verschwunden. Der Beschreibung des Jägers nach war es ein Pferd der gottlosen Säumer, das entweder dem Schicksal entgangen war oder sich als Spukgestalt noch immer in den öden Felswänden umhergeschtrieben hatte.


Aus: "Das Salzburger Sagenbuch" von Josef Brettenthaler und Matthias Laireiter, Verlag der Salzburger Druckerei, Österreich 1976.
(und die haben's aus "Sagen aus dem Rauriser Tal" von Volkschuldirektor Sigmund Narholz)